Gefühle in der Natur

Ich weiß nicht wie es bei euch ist, aber jedes Mal, wenn ich mich in der Natur befinde fühle ich mich irgendwie anders. Es ist so, als wäre ich frei, als stünden mir alle Türen offen, ich müsse nur durch sie hindurchgehen. Ich höre die Klänge der Vögel, das Rauschen der Blätter, das durch eine leichte Brise entsteht. Es ist, als brächten mich diese Klänge, diese Umgebung wieder zu mir selbst, was sich zugegebenermaßen sehr nach der Epoche der Romantik anhört. Wenn ich mich in der Natur befinde, dann kommen mein Körper und meine Seele wieder zusammen, dann denke ich wieder über alles nach. Egal ob Zukunft, Vergangenheit oder Gegenwart, so einen Gedankenfluss habe ich sonst nie.

Ich frage mich, ob dieses Gefühl mit meiner Kindheit zu tun hat. Ob ich mich deswegen so eins mit der Natur fühle, weil ich als Kind kaum im Haus, sondern immer draußen, in der Natur war. Ich hatte das große Glück in einem Dorf aufzuwachsen, bei dem es nicht lange dauerte, bis man an einem freien Feld oder in einem kleinen Wald war. Als Kind habe ich natürlich nie diese Freiheitsgefühle hinterfragt. Ich war ein Kind und ich war frei, so wie meine Gedanken es waren. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, was in Zukunft sein würde. Klar, ich habe mich viele andere Dinge gefragt, wie welcher Baum- oder Blumenart ich gegenüberstehe, aber ich hab mich nie gefragt, wie lange die Erde wohl noch braucht, bist der Klimawandel sie komplett zerstört hat. Es ist Unwissenheit, die uns vor bestimmten Gedanken schütz, denn über Dinge, über die man nicht bescheid weiß kann man auch nicht nachdenken. Meine einzige Sorge als Kind war, dass ich wieder zur richtigen Uhrzeit zu Hause sein müsste. Ich muss sagen, dass ich so unglaublich viel in der Natur erlebt habe. Wir haben alle zusammen immer versucht ein Versteck im Wald zu bauen, um dort unsere Ruhe zu haben. Wir haben uns Spiele ausgedacht, bei denen wir Schätze finden mussten, um sie der Prinzessin zu überreichen. Wir haben Spuren gelesen und sind Tieren auf die Schliche gekommen.

Manchmal wünsche ich mich in diese Zeit zurück. Diese Zeit in der es egal war, wie die Haare sitzen, wie die Kleidung aussieht die man trägt, was andere wohl über einen denken. Diese Zeit der Sorglosigkeit, die Zeit in der man einfach Sein durfte und konnte wer man war. Die Zeit, in der man Emotionen ausdrücken konnte, ohne als schwach bezeichnet zu werden. Heute muss man sich anpassen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal ehrlich auf die Frage, wie es mir gehen würde, geantwortet habe, aber es ist Ewigkeiten her. Denn oft denke ich, dass die Frage „Wie geht es dir?“ selten aus Interesse, sondern eher aus gesellschaftlichem Zwang und Konvention gestellt wird. Man kann dann nicht mehr unterscheiden zwischen Interesse und Höflichkeit. Ich, und wie ich denke auch viele andere, verstecken sich. Wir verstecken uns vor anderen und ganz besonders vor uns selbst. Wir antworten nicht mehr ehrlich, reden nicht mehr, gehen Problemen aus dem Weg, prokrastinieren. Ich weiß nicht wie es euch ging, aber als ich ein Kind war, habe ich mich immer gleich zu allem geäußert. Ich habe immer gesagt, wenn es mir nicht gut ging, geweint wenn mir etwas Schmerzen bereitete und geliebt wenn ich etwas sehr mochte. Heute habe ich, da muss ich ehrlich sein, viel zu viel Angst davor, meine Gefühle zu zeigen. Ich habe Angst davor, verurteilt zu werden und als schwach gesehen zu werden und trotzdem versuche ich immer wieder diese Angst zu vergessen und Menschen zu zeigen und zu sagen wie ich fühle. Was mir als Kind so leicht fiel, fällt mir heute schwer. Ich denke zu viel über Konsequenzen nach, lebe zu sehr in Vergangenheit und Zukunft, vergesse die Gegenwart dabei und bleibe im Leben stehen.

Jedes Mal jedoch, wenn ich in einem Wald spaziere, an einem scheinbar endlosen Feld stehe, denke ich daran, dass meine Gedanken noch immer frei sind. Ich denke daran, dass meine Gefühle noch immer einen Wert haben, dass ich mehr bin, als ich glaube zu sein und dass ich vor allem sein kann, was und wer ich wirklich bin. Ich denke daran, dass ich mir weniger Sorgen machen sollte über das was war und sein wird, sondern mehr den Moment genießen. Ich denke daran, wie sorglos alles schien, als ich ein Kind war und deswegen kann und will ich jedem nur raten: Geht dort hin, wo ihr als Kind frei und glücklich wart. Geht in die Natur, wenn ihr euch verloren fühlt. Wenn ihr vergessen habt, wer ihr seid, dann sucht Orte auf, die euch an euch erinnern und fühlt euch wieder frei.

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