Sweather Weather und Wir

 Let's have an adventure 
- Sweather Weather by The Neighbourhood

Mit dir war schon von Anfang an alles anders als sonst. Normalerweise bin ich bei Leuten, die ich noch nicht kenne schüchtern und zurückhaltend, aber bei dir war das nicht so. Ich hatte das Gefühl, mich vor dir nicht verstellen zu müssen, bei dir sein zu können, wer ich wirklich war. Ich konnte meine dummen Witze machen, über die sonst nie jemand lachte, konnte sagen was ich wollte ohne verurteilt zu werden und konnte mich bei dir einfach wohl fühlen. Mit dir machte alles viel mehr Spaß als sonst, mit dir lachte ich mehr als mit irgendjemand anderem. Mit dir habe ich Dinge erlebt und gefühlt, die ich mit niemandem je hätte erleben oder fühlen können.

Schon von Anfang an gab es zwischen uns eine Verbindung. Wir hatten oft die gleiche Meinung, Vorstellung, Idee. Wir wollten die gleichen Dinge erreichen, die gleichen Dinge erleben. Mit dir konnte ich über alles reden, egal was es war. Eine Theorie, die mir eingefallen ist, eine Sache, die wir unbedingt zusammen machen mussten, oder über die Schule, die uns beide stresste. Manchmal hatten wir auch Uneinigkeiten und Diskussionen, aber das trennte uns nie, es brachte uns immer näher zusammen.

Wir haben angefangen, unsere Leidenschaft für Kunst und Literatur zu entdecken und sie auszuleben, haben Gedichte bis ins kleinste Detail interpretiert und über die Bedeutung jedes Verses diskutiert. Haben angefangen die gleichen Bücher zu lesen und Filme zu schauen, um danach über sie zu diskutieren und sie zu interpretieren. Wir gingen zusammen ins Museum, stundenlang, und sahen uns die Ausstellungen an, bis wir unser Lieblingswerk unter den vielzähligen Werken fanden.

Wir gingen zusammen auf Parties, betranken uns manchmal, waren manchmal nüchtern und hatten den Spaß unseres Lebens. Wir lachten, tanzten, weinten, führten die tiefgründigsten Gespräche um zwei Uhr morgens und schliefen manchmal nebeneinander ein. Und jedes Erlebnis, so schön oder unschön es auch war, schweißte uns zusammen.

 I hate the beach
But I stand in California with my toes in the sand

- Sweather Weather by The Neighbourhood

Wir wollten uns zusammen immer weiterentwickeln, immer besser werden, als wir waren. Immer mehr sein, mehr erleben, mehr fühlen, einfach mehr.

Irgendwann in all der Zeit lernte ich dann jemanden kennen. Irgendwie kam ich dann mit diesem jemanden zusammen, den ich erst ein paar Monate kannte. Ich war und bin nicht der Typ für Beziehungen, ob romantische oder einfach menschliche. Bei romantischen Beziehungen ist es aber besonders schlimm. Ich gehe sie zu schnell ein und beende sie dann genauso schnell. So war es auch dieses Mal. Ich suchte damals nach einem Abenteuer, aber merkte nicht, dass es weniger ein Abenteuer, sondern mehr ein Schritt zurück war. Ein Schritt zurück in meine Vergangenheit, zu meinen Fehlern, aus denen ich wohl nicht gelernt hatte.

Diese Beziehung hat uns trotzdem nicht auseinander gebracht, ich glaube durch sie habe ich sogar gemerkt, dass du mir wichtiger warst, als ich es gerne hätte. Durch diese furchtbare Beziehung mit diesem furchtbaren Jungen habe ich gemerkt, dass ich keine Beziehung brauchte, denn ohne sie war ich mit dir glücklicher, als mit dieser Beziehung. Trotzdem blieb ich mit ihm vier Monate lang zusammen.

 The goosebumps start to raise 
- Sweather Weather by The Neighbourhood

Die Beziehung die ich zu dem Jungen hatte, hielt uns von nichts ab. Wir verbrachten weiterhin Zeit, wir gingen immer noch auf Parties, wir hatten immer noch nur uns. Wir erlebten weiterhin fantastische Momente und ich zog dich immer wieder meiner eigentlichen Beziehung vor.

Zur Faschingszeit (Ich hasse diese Zeit) hatten wir uns vorgenommen zu einer Hallenfeier in dem nächstgelegenen Dorf zu gehen. Weil keine Busse mehr fuhren, noch jemand von uns mit dem Auto hinfahren wollte, beschlossen wir, zusammen mit ein paar anderen Freunden, ca. 40 min lang zu dem Dorf zu laufen. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Spaß dabei, in Kälte und Dunkelheit irgendwo hinzulaufen. Auf dem Weg zum Dorf tranken wir, redeten und lachten. Wir redeten darüber, dass du unbedingt mit jemandem rummachen wolltest auf der Feier, aber Angst hättest, nicht gut genug zu küssen, woraufhin ich halb aus Spaß meinte, du könntest mit mir üben.

So ähnlich geschah es dann.

Wir waren auf dieser Feier. Mein Freund war natürlich auch da. Wir trafen uns mit ihm und seinen Freunden vor der Halle, in der die Feier stattfinden sollte. Es war alles wie immer. Wir hatten Spaß, ich redete mit den Menschen, die ich auf der Feier kannte und tanzte mit dir zu dieser dämlichen Fasnachtsmusik. Wir waren beide ziemlich betrunken und mussten beide mal, naja, auf die Toilette. Da niemand von uns alleine gehen wollte, gingen wir zusammen in eine der Kabinen. Wir sprachen kurz, sahen uns in die Augen.

Ich sagte: „Willst du jetzt üben?“

Wir waren beide nervös, beide beschämt, beide zueinander angezogen, hatten aber keine romantischen oder sexuellen Anziehungen. Wir hatten einfach Lust darauf uns zu küssen, also küssten wir uns. Nicht zu kurz, nicht zu lange. Es war perfekt, wenn man alles um uns herum ignorierte. Du dachtest, du würdest nicht gut genug küssen, aber ich glaube, wir wussten in diesem Moment beide, dass das nicht wahr ist.

 Head in the clouds but my gravity's centered 
- Sweather Weather by The Neighbourhood

In diesem Moment dachte ich an nichts. Alles fühlte sich kurz perfekt an. Ich dachte nicht an meinen Freund, nicht an Konsequenzen, einfach an nichts. (Mein Ex-Freund bekam nie etwas davon mit und ich erzählte es ihm nie)

Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen. Aber wir sagten uns, dass es unsere Tradition sein sollte, uns auf einer Party auf der Toilette zu küssen (wo uns niemand sieht), wenn wir betrunken sein sollten. Wir dachten nicht einmal daran, dass es irgendetwas zwischen uns ändern könnte. Wir waren uns einfach nur näher denn je.

Auch nachdem wir am nächsten Tag realisierten was passierte, änderte sich nicht eine Kleinigkeit zwischen uns. Alles war wie immer und niemand sprach je darüber, was passiert war. Wir wussten einfach beide, dass es geschehen ist und dass niemand außer wir beide je wissen würde, was an diesem Abend geschah.

 Sometimes the silence guides our minds 
- Sweather Weather by The Neighbourhood

Irgendwann lebten wir uns etwas auseinander. Wir sahen uns nur noch manchmal. Ich war mit meinem Abitur beschäftigt und machte parallel mit meinem Freund schluss. Es tat mir wirklich leid für ihn, aber ich denke auch seine Gefühle für mich waren nicht so tief und das war auch gut so. Er und ich fühlten uns beide besser, als wir uns trennten. Ich Konzentrierte mich nur noch auf die Schule und du dich au deine Klausuren. Als wir beide es endlich geschafft haben, waren wir mehr als froh, den ganze Schulstress überwunden zu haben.

Nach dieser Phase folgte meine Abireise nach Bulgarien, die aber für diese Geschichte unwichtig ist. Erwähnenswert ist nur, dass wir uns mehr als einen Monat nicht sahen, was für uns unnormal war.

In dieser Phase hatten wir viel Zeit über uns nachzudenken. Uns als einzelne Personen und uns als Seelenverwandte. Aber nichts zwischen uns änderte sich. Nach der Abireise schien unsere Verbindung sogar stärker denn je zu sein, was auch zu Handlungen führte, die uns als Verbindung komplett veränderte.

 These hearts adore
Everyone the other beats hardest for

- Sweather Weather by The Neighbourhood

Nachdem ich wieder zu Hause war, beschlossen wir, uns unbedingt zu treffen. Wir hatten geplant, dass du zu mir kommst, wir etwas Wein und Sekt trinken, reden und Spaß haben. All das passierte auch und mehr.

Wir trafen uns bei mir, und ich erzählte dir alles, was mir in Bulgarien widerfahren ist, und was du während meiner Abwesenheit erlebt hattest. Wir lachten über die Geschehnisse und freuten uns, wieder beieinander zu sein. Es fühlte sich so schön an, wieder zusammen zu sein, etwas zu unternehmen, zusammen etwas zu erleben.

Irgendwann beschlossen wir, nach draußen zu gehen, um uns irgendwo mitten im Feld hinzusetzen und etwas zu trinken.

Ich kannte ein Grundstück, auf dem man alleine sein konnte, und sich in einen dort abgestellten Anhänger setzen konnte. Wir liefen also hin und machten es uns im Anhänger gemütlich so gut es ging.

Nach einer Zeit fingen wir an „Ich hab noch nie“ zu spielen. Wir erfuhren Dinge übereinander, die wir noch nicht wussten. Die meisten Dinge waren typischerweise intimer Art. Wir waren dann nach einer Zeit komplett betrunken und legten uns im Anhänger hin, um in den Himmel zu schauen. Wir lagen nah beieinander, denn es war schon dunkel und etwas kalt.

 Inside this place is warm
Outside it starts to pour

- Sweather Weather by The Neighbourhood

Wir wärmten uns mit unserer Nähe gegenseitig. Es fing etwas an zu regnen, aber nur sehr leicht, so, dass es einem fast nicht auffällt. Ich fühlte mich geborgen, warm, glücklich und mir war etwas schwindelig. Neben dir zu liegen, war alles was ich in dem Moment wollte und nichts hätte diesen Moment zerstören können.

 And then I watch your face 
- Sweather Weather by The Neighbourhood

Wir sprachen darüber, wie schön die Sterne waren. Wir redeten darüber, dass wir nur winzige Menschen in einem so großen Universum waren und dass unsere Existenz eigentlich nichts bedeutet. Wir sprachen über das Leben und seine positiven und negativen Seiten. Wir schweigten, hörten die Musik, die aus dem Lautsprecher meines Smartphones spielte und sahen uns irgendwann in die Augen. Schauten wieder weg. Grinsten und wiederholten das alles, bis uns klar wurde, was passieren würde. Bis wir nicht mehr wegschauten. Bis wir uns nur ansahen und warteten.

 She knows what I think about
And what I think about
One love, two mouths

- Sweather Weather by The Neighbourhood

Wir wussten beide, an was die jeweils andere dachte. Unsere Köpfe kamen sich näher, unsere Lippen, waren nur noch Millimeter voneinander entfernt. Wir waren beide so voller Scham. Mein Herz klopfte, mir wurde warm, alles um mich herum war nicht mehr existent. Alles was war, waren wir.

Wir küssten uns.

Länger als das letzte Mal.

Öfter als das letzte Mal.

Bewusster als das letzte Mal.

Gefühlvoller als letztes Mal.

Wir genossen es. Wir konnten nicht aufhören. Alles fühlte sich perfekt an.

Es war wie in einem romantischen Film. Alles war so schön, so voller Emotionen, so voller Hingabe.

Die Erde stand still. Die Zeit existierte nicht. Jeder hielt die Luft an, alles war still, nur unsere Gedanken und Herzen klangen laut zusammen mit der Musik im Hintergrund.

Es regnete etwas stärker, aber das hielt uns nicht mehr auf. Nichts war mehr wichtig. Nur wir zwei und das Schlagen unserer Herzen.

 It's too cold, woah
For you here and now
Let me hold, woah
Both your hands in the holes of my sweater

- Sweather Weather by The Neighbourhood

Nach diesem Abend war alles zwischen uns anders.

Wir distanzierten uns immer mehr voneinander. Wir sprachen nie über diesen Vorfall, weil wir beide nicht wussten, wie wir damit umgehen sollten.

Zwei beste Freundinnen hatten ihre erste Erfahrung mit dem selben Geschlecht.

Wir wussten beide nicht, was wir fühlen sollten und du warst kälter als sonst.

Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, dir nicht mehr alles erzählen zu können, weil zwischen uns irgendetwas komisch war. Ich versuchte nie, dich darauf anzusprechen, weil es mir schwer fällt, über Dinge zu sprechen die mit meiner Gefühlslage zutun haben.

Wir lebten uns immer mehr auseinander. Ich fing sogar an, dich an den Tagen, an denen ich dich wegen der Schule zwangsläufig sehen musste, zu ignorieren, weil ich selber nicht wusste, was ich machen sollte.

Irgendwann redeten wir dann wieder. Du bist auf mich zugekommen und wolltest reden. Du konntest es nicht sehen, von mir nicht beachtet zu werden, während mir das komischerweise nicht schwer fiel. Mein Schutzmechanismus war schon immer Kälte, Gefühlslosigkeit und Ignoranz.

Auch wenn wir über uns redeten, spürte ich, dass unsere Verbindung nicht mehr dieselbe war, und dass sich die Situation zwischen uns verändert hatte. Dass nichts mehr so sein würde, wie es war.

 there's not much to say
- Sweather Weather by The Neighbourhood

Zu dem, was passiert ist kann ich nicht mehr viel sagen. Ich bereue nichts davon, was zwischen uns passiert ist. Ich vermisse unsere Zeit manchmal und ich vermisse dich als Person, aber ich habe Angst davor, dass einfach nichts mehr zwischen uns so sein wird, wie es einmal war.

Ich wünschte, wir würden wieder zueinander finden und nicht so verwirrt sein, die Sache nicht als komisches, sondern schönes Erlebnis in Erinnerung behalten und nicht als den Grund für unsere Distanz.

Durch dich habe ich gemerkt, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß, sondern manchmal grau, oder sogar farbig ist.

Ergänzung: Ich möchte „Fremdgehen“ nicht romantisieren. Der Kuss zwischen mir und der Freundin war kein Kuss aus Intention des Betrugs und der Kuss oder sie waren auch nicht die Gründe dafür, dass die Beziehung in die Brüche ging. Der Kuss zwischen ihr und mir war, während ich noch in einer Beziehung war, freundschaftlicher Natur. Damit will ich nicht sagen, dass es richtig war, sie während der Beziehung mit jemand anderem zu küssen. Es war auf jeden Fall moralisch nicht legitim, aber nicht aus bösen oder schlechten Intentionen. Ich bin jung und mache Fehler, aber dieses Mal werde ich daraus lernen.

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